2018: Ordnung und Unordnung


Die erste interdisziplinäre Sommerakademie „Fideliter Intellegens“ fand vom 15. bis 19. August 2018 in Stift Neuburg bei Heidelberg statt. Mit „Die Ordnung der Unordnung und die Unordnung der Ordnung“ umfasste das Thema zugleich eine Vielzahl an Forschungsfragen. Gleichzeit wurde damit die Frage nach dem Wesen der Welt und deren Ordnung eine Frage gestellt, deren Beantwortung in der christlichen und benediktinischen Tradition bereits eine Fülle an Antworten fand. Mit einem kurzen Abriss über diese Tradition mit einem Fokus auf den Ordnungsbegriff bei Augustinus führten die beiden Organisatoren der Akademie Thomas Kieslinger und Reinhild Bues in die historische Dimension dieser Fragestellung ein.

Den Beginn des wissenschaftlichen Austauschs bei der interdisziplinären Akademie stellte ein Vortrag der Ernährungswissenschaftlerin Dr. Monika Wilhelm dar, welche diesen mit einen Streifzug durch die Thematik eröffnete. Die Bedeutung von Ordnung und Unordnung in der Natur machte dabei schon zu Beginn der Akademie klar, welche Relevanz die Fragestellung für das Leben des Menschen hat.

Die Vorträge der Referenten wurden bildstark eingeleitet durch den ersten Vortrag von der Kunsthistorikerin Theresa Wagener zum Thema „Die Ordnung der Sinnlichkeit bei Giulio Cesare Procaccini – Sinnliche Kunsterfahrung und Imaginationsdidaktik im Borromeo-Mailand“. Sie zeigte dabei auf, wie das Geordnete und Ungeordnete in sowohl dem Motiv, als auch der Rezeption des Motivs gerade in den Visionsdarstellungen des Barock sich ergänzende Gegenspieler darstellten.
Von dem Versuch der ordnenden Verbildlichung der Visionen ging es im nächsten Vortrag von Imre Gellai um Bedeutung und Funktion physikalischer Modelle als ordnende Methodik im Maschinenbau. Einen theologisch-soziologischen Blick warf anschließend Konstantin Mallat am Samstagvormittag auf das Tagungsthema mit einem Vortrag über „Der „byzantinische Humanismus“, die „anderen“ Humanismen und ihre Bewertung in der Orthodoxen Kirche: Definition, Politisierung und Verwechslung eines umfangreichen Geschichtsbegriffes“. Dieser historisch-theologische Ordnungsfindung wurde im folgenden Vortrag von Felix Kuhn wiederum eine physikalisch-mathematische Vertiefung über „Auf großen Skalen Ordnung schaffen – eine kinetische Feldtheorie für die nichtlineare Strukturbildung“ gegenübergestellt. Kuhn schaffte es, astrophysikalische Wissenschaftsprozesse für das interdisziplinäre Publikum so zu erläutern, dass sich daran eine angeregte Diskussion anschloss. Der Freitag wurde beendet mit einer volkswirtschaftlichen Darstellung von Andreas Kramer über die Entwicklung des Geldes als gesellschaftsstrukturierendes Moment im Laufe der letzten drei Jahrhunderte.
Der erste Vortrag am Samstag schloss daran inhaltlich an. Der Ökonom Marius Kleinheyer führte diese Überlegungen in seinem Vortrag „Das ordnungsökonomische Problem des Euros“ auf einer aktuell-politischen Ebene fort. Diesem aktuellen Ansatz folgte ein grundsätzlicher Blick auf die Frage nach der juristischen Bedeutung von Ordnung von Gabriel Macathy. Er sprach über den Ordnungsbegriff im deutschen Recht und leitete davon ausgehend über in eine Diskussion über die rechtsphilosophischen Grundlagen des deutschen Rechtssystems. Den Abschluss des wissenschaftlichen Teils bildete der betriebswirtschaftliche Vortrag von Simon Dümpelmann zur Frage „Unordnung und welche Ordnung? Wirtschaftsethische Fragen zur künstlichen Intelligenz“. Sowohl die ethischen Fragen, die sich aus den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz ergeben wurden eingehend diskutiert, wie auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die sich daraus zwangsläufig ergeben.
Im wissenschaftlichen Teil konnte somit ein breiter Bogen gespannt werden, welcher die Begriffe „Ordnung und Unordnung“ als Ausgangspunkte für eine Diskussion über die historischen, rechtlichen, ökonomischen und philosophischen Grundlagen der Gesellschaft verband. Gleichzeitig wurden Ordnungs-, aber auch Unordnungsprinzipien in künstlerischer und wissenschaftlicher Methodik dar- und gegenübergestellt und in dieser Zusammenstellung diskutiert.

Diese intensiven Vormittage wurden nicht nur durch die Teilnahme am Stundengebet der Mönche gegliedert, sondern auch durch geistliche Impulse spirituell ergänzt. Da Abt Winfried Schwab OSB krankheitsbedingt ausgefallen ist, wurde dieser Teil von Msgr. Dr. Peter von Steinitz übernommen. In zahlreichen geistlichen Impulsen betrachtete er zusammen mit den Teilnehmern, wie man als praktizierender Katholik im wissenschaftlichen Alltag bestehen kann. Insbesondere die benediktinische Ansatz, auch in Hinblick auf die spirituelle Dimension des Arbeitsbegriffes und der Pflichterfüllung sowie das gelebte Evangelium als Quelle der Freude standen dabei im Mittelpunkt.

Das Programm der wissenschaftlichen Arbeit und die geistlichen Betrachtungen wurde ergänzt durch weitere Programmpunkte wie etwa der gemeinsame Rosenkranz-Spaziergang über den Philosophenweg nach Heidelberg und einer Stadtführung durch die Altstadt, der ein gemütlicher Abend im studentischen Traditionslokal Schnookeloch folgte. Hier lag vor allem der Austausch und das Vernetzen untereinander im Vordergrund.