2021: Leben (in) der Welt


Vom 25. bis 29.08.2021 fand zum zweiten Mal die interdisziplinäre Sommerakademie Fideliter Intellegens statt. Veranstaltungsort war das Benediktinerstift Ottobeuren, wo sich Doktoranden aus Deutschland, Österreich, den USA und der Schweiz fünf Tage lang zum Thema „Leben (in) der Welt. Vom Ursprung zur Vollendung“ austauschten und am von P. Winfried Schwab OSB geleiteten geistlichen Programm teilnahmen.

Wissenschaft

Das bewusst sehr breit gehaltene Thema bot allen Teilnehmern die Chance, ausgewählte Schwerpunkte ihrer aktuellen Forschung in kleiner Runde zu präsentieren und diskutieren zu lassen. Gleichzeitig befeuerte die heterogene Zusammensetzung der Gruppe und der interdisziplinäre Ansatz den regen und fruchtbaren Austausch untereinander.

Der Begrüßung durch die Veranstalter Reinhild Bues und Thomas Kieslinger folgten zwei einleitende Vorträge, die sich insbesondere mit den beiden Leitbegriffen „Welt“ und „Leben“ auseinandersetzten und einen ideengeschichtlichen Leitfaden für die kommenden Referate und Diskussionen bereitstellten. Kieslinger verortete dabei den Begriff „Saeculum“ im mittelalterlichen Denken und stellte verschiedene Konzepte vor, wie die Kategorie „Welt“ im historischen Kontext eines abendländisch-christlichen Weltbildes gedacht und angewandt wurde und wird. 

Dr. Edmund Waldstein OCist, der die Akademie nicht nur wissenschaftlich, sondern auch liturgisch begleitete, setzte sich in seiner Keynote intensiv mit der aristotelischen Auffassung vom Leben auseinander. Dabei wurde der geistesgeschichtliche Bogen hin zu den Überlegungen der Kirchenväter und -lehrer gespannt und in einer konzisen Zusammenschau eine begriffliche Präzisierung vor-genommen, die in den Diskussionen der folgenden Tage immer wieder aufgegriffen wurde.

Am Freitag, den 27.8. eröffnete der angehende Kernphysiker Andreas Harter den wissenschaftlichen Teil mit einem Vortrag zum Thema „Does matter live?“. Neben der Darstellung der naturwissenschaftlichen Methoden seiner Forschung im Bereich mittelschwerer Kerne, wurde auch der Frage nachgegangen, wie Neuentdeckungen im Bereich der Kernphysik aus christlicher Perspektive bewertet und genutzt werden können. Außerdem wurde im Plenum – unter Rückgriff auf die von P. Dr. Waldstein vorgetragenen Dimensionen menschlichen Lebens – der Sachverhalt diskutiert, wann im wissenschaftlichen und im gesellschaftlichen Rahmen überhaupt von „Leben“ gesprochen wird und wie der Begriff eingeordnet wird. 

Ein wissenschaftsgeschichtliches Schlaglicht auf die Auseinandersetzung mit regionalgeschichtlichen Aspekten des Akademiethemas warf Ferdinand Müller in seinem Vortrag über die Geschichte der Bayerischen Benediktinerakademie. Dabei wurden auch Über-legungen über die Rolle von (wissenschaftlichen) Institutionen im Umfeld des geistlichen und akademischen Austausches angestellt.

Laura Jahnke ging in ihrem ophthalmologischen Referat der Frage nach Grenzen und Möglichkeiten medizinischer Forschung nach und eröffnete damit die wissenschaftliche Sektion am Freitag, den 27.08.2021. Jahnke forscht im Bereich der altersbedingten Makuladegeneration hinsichtlich der Ursachen und möglichen Behandlungsmethoden. Sie führte in ihrem Vortrag in die Funktionsweise des Auges ein und erläuterte die aktuellsten wissenschaftlichen Ergebnisse im Umgang mit der Krankheit. Neben Überlegungen, welche Rolle das Sehen für eine Wahrnehmung der Welt spielt, wurde auch die Frage behandelt, wie Tierversuche ethisch und medizinisch zu bewerten seien.

Im Anschluss wurden Teilbereiche der bisher verhandelten Themen in einem philosophischen Roundtable-Gespräch unter der Leitung von Gastreferent Abt Johannes Schaber OSB besprochen. Diesem ging ein gehaltvoller Impulsvortrag zu aristotelischen und heideggerianischen Gedanken zu „Leben (in) der Welt voraus. Abt Johannes Schaber eröffnete dies anhand des Ansatzes von Karl Jaspers mit der Eingangsfrage, warum der Mensch sich überhaupt die Frage nach dem Leben stellt. Vor allem das Hinzuziehen einer dezidiert philosophischen Perspektive auf das Thema der Akademie setzte hierbei neue Akzente für die nachfolgenden Gespräche. Gleichzeitig wurde in der angeregten Diskussion mit Abt Johannes Schaber ein lebendiges Zeugnis der Verbindung von wissenschaftlichem Arbeiten und benediktinischem Leben sichtbar. 

Nachfolgend beleuchtete der Germanist Charles Ducay diverse literarische und ideengeschichtliche Verquickungen hinsichtlich des Themenkomplexes „Der Mensch als Maschine“. Die anschließende Gruppendiskussion stand dann besonders im Zeichen einer Einordnung der von Ducay erarbeiteten Ergebnisse in einen lebensphilosophischen Kontext, wobei auch Querverweise auf das Konzept eines „guten Lebens“ aus benediktinischer Perspektive gemacht wurden, die im geistlichen Programm weiter vertieft wurden.

Am Samstag, den 28.08.2021 rückte das Themenfeld des Lebensendes verstärkt in das Interesse der Teilnehmer. Anton Rettenmayer beleuchtete – nach einem Parforceritt durch 2000 Jahre Ideengeschichte der Todesstrafe und der Selbsttötung – die unterschiedlichen Auffassungen vom Wert des Lebens in atheistischen und christlichen Gesellschaften. Dabei standen juristische Überlegungen genau so im Mittelpunkt der Betrachtung, wie die Frage danach, wann vom Ende des Lebens gesprochen werden kann, welche Rolle der menschliche Körper in dieser Diskussion einnimmt und welche Rückschlüsse auf die Wahrnehmung des Lebens in unterschiedlichen Systemen möglich sind. 

Im anschließenden Vortrag von Christian Lührsen ging es um das Leben als Ordnungsgestalt in der Gesellschaft in der späten Philosophie Schlegels. Ausgehend von der Bemerkung Ernst Behlers, dem Herausgeber des Schlegel´schen Gesamtwerkes, der dessen Konversion als „Wiederentdeckung alten christlichen Glaubens auf Grundlage idealistischer Philosophie“ bezeichnete, zeichnete Lührsen nach, inwiefern Schlegel idealistische Konzepte nutzte, um die christliche, und damit lebendige Gesellschaftsordnung zu bestimmen.

Im anschließenden Vortrag von Christian Lührsen ging es um das Leben als Ordnungsgestalt in der Gesellschaft in der späten Philosophie Schlegels. Ausgehend von der Bemerkung Ernst Behlers, dem Herausgeber des Schlegel´schen Gesamtwerkes, der dessen Konversion als „Wiederentdeckung alten christlichen Glaubens auf Grundlage idealistischer Philosophie“ bezeichnete, zeichnete Lührsen nach, inwiefern Schlegel idealistische Konzepte nutzte, um die christliche, und damit lebendige Gesellschaftsordnung zu bestimmen.

Die Astrochemikerin gab dabei einen umfassenden Einblick in ihre aktuelle Forschung, welche sich mit der Entstehung und der Existenz von Leben im All beschäftigt. Neben fachlichen Fragen wurde in der abschließenden Gesprächsrunde mit Prof. Dr. Öberg auch die von allen Teilnehmern als wesentlich erachtete Frage diskutiert, wie sich praktizierende Katholiken heute in der akademischen Landschaft positionieren und einbringen können. 

Glaube 

Neben dem wissenschaftlichen Austausch stellt das geistliche Programm das zweite wichtige Standbein der interdisziplinären Sommerakademie Fideliter Intellegens dar. P. Dr. Edmund Waldstein Ocist und Pater Winfried Schwab OSB feierten mit den Teilnehmern täglich die Heilige Messe. Überdies war die Teilnahme am Chorgebet der Mönche, als auch Zeit zur persönlichen Betrachtung und zur Beichte grundlegender Teil des Programms. 

Ausgehend von ausgewählten Kapiteln der Regula Benedicti gab Pater Winfried Schwab OSB profunde geistliche Impulse, wobei ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt wurde, wie monastische Leitsätze im persönlichen und beruflichen Leben der Teilnehmer integriert werden können. Am Samstag, den 28.08.2021 fand außerdem eine Wallfahrt mit Heiliger Messe und Rosenkranz nach St. Maria Eldern statt.